(15.02.12) In der kleinasiatischen Landschaft Ionien brachten griechische Kolonisten vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden Erstaunliches zuwege – vor allem aber naturwissenschaftliche Erkenntnisse, auf denen unsere moderne Zivilisation beruht.

Wolfram Hoepfner: Ionien. Brücke zum Orient
Theiss Verlag, Stuttgart 2011
176 S. mit 112 meist farbigen Abb.
ISBN: 978-3-8062-2405-4
Preis: 29,95 Euro
Hier bestellen.
Ionien, jener schmale Landstrich an der Westküste Kleinasiens, ist das »schönste Drittel Griechenlands«. Mit diesem Zitat von Johann Gustav Droysen eröffnet der Berliner Archäologe Wolfram Hoepfner seine luzide Studie über eine Kulturregion, von der vor mehr als zweieinhalb Jahrtausenden eine Vielzahl innovativer Impulse ausging, die für die moderne Zivilisation prägend war. In der Historischen Geographie spricht man von einem »Kraftraum«.
Hier an den Gestaden der östlichen Ägäis wurden um 700 vor Christus die ersten Münzen geschlagen, hier dachten die sogenannten griechischen Naturphilosophen über den Sinn allen Seins nach und wollten verstehen, was es mit den Dingen in der Welt auf sich hat: Thales von Milet postulierte hier das Wasser als Urprinzip alles Stofflichen und Heraklit von Ephesos formulierte sein Theorem, wonach alle Dinge im Fluss seien. Ebenfalls hier ›erfand‹ Pythagoras von Samos seinen berühmten mathematischen Lehrsatz und Anaximander die erste Weltkarte samt einer Himmelskarte zur Orientierung der Schiffer bei Nacht. Hier war es auch, wo Jahrhunderte später der Apostel Paulus mit seiner Missionsarbeit begann und sich das frühe Christentum und die Häresien der neuen Religion verbreiteten.
Im Zuge der im 11. Jahrhundert v. Chr. einsetzenden Bevölkerungsbewegungen nimmt die «Ionische Wanderung«, die Landnahme im mittleren Küstenstreifen des westlichen Kleinasien durch Einwanderer vom griechischen Mutterland, eine besondere Rolle in diesem Migrationsprozess ein. Fachkundig und anschaulich beschreibt der Autor den Siedlungsprozess der Neuankömmlinge − Äoler, Boiotier, Achaier, Ionier – die sich auf dem kleinasiatischen Festland und den ihm vorgelagerten Inseln niederließen. Dass es dabei mitunter zu Reibereien, ja blutigen Auseinandersetzungen mit der autochthonen Bevölkerung kam, bleibt im Buch nicht unerwähnt.
Erwähnung finden aber auch Klima, Geschichte, Kultur und Topographie, wobei der Autor erstmals alle 13 Städte des sich im Laufe der Zeit herausbildenden Ionischen Bundes gemeinsam und anhand zahlreicher, neu angefertigter Pläne und Rekonstruktionen vorstellt. Am stärksten sind die Passagen, wo der emeritierte Professor für Antike Baugeschichte sein profundes Wissen ausbreiten kann, etwa bei der Beschreibung der zahlreichen Bauwerken und grandiosen Architekturen, die zum Teil noch heute den Türkeibesucher Staunen machen. Hierzu gehört ohne Frage der Tempel der Athena in Priene, eine Huldigung an die ionische Bauordnung mit Säulen auf Basen und seitlich zu Schnecken eingedrehten Kapitellen, aber auch der zwischen 550 und 530 v. Chr. fertiggestellte Eupalinos-Tunnel von Samos, der im Gegenortvortrieb gebaute Erddurchstich, der mit 1036 Meter Länge als ein Meisterwerk der antiken Ingenieurskunst gilt.
Seine Meisterschaft in der Darstellung zeigt Hoepfner auch dort, wo er die mitunter ruinösen baulichen Hinterlassenschaften durch intelligente Rekonstruktion wieder vor dem geistigen Auge des Lesers erstehen lässt, etwa im Falle der Musterstadt Priene, die um 350 vor Christus nach den Plänen des berühmten Architekten Pytheos nach griechischem Muster errichtet wurde: Mit einer Wehrmauer, einem Tempel für die Schutzgottheit der Polis, einem Hauptplatz (agora) mit Kaufmarkt, Wasserleitungen und Brunnen, einem Amtslokal (prytaneion) und einem Sitzungssaal (bouleuterion) für den Rat der Stadt, einem Theater für Zerstreuung und Volksversammlungen, einem gymnasion für die Erziehung und Bildung der männlichen Jugend – und natürlich Privathäusern. Das Ganze angeordnet nach einem regelmäßigen Raster, entlang sich rechtwinklig kreuzender Straßen. Dieses Wegenetz galt als die »neuere Art« der Stadtplanung. So hatte es Aristoteles in seiner »Politika« beschrieben und durch die Nennung des Landvermessers Hippodamos von Milet auf alle Zeit mit dessen Namen verbunden.
Diesen griechischen Städten, allen voran Milet, das in seiner Blütezeit über 80 Kolonien gründete, kam eine große Bedeutung für den Überseehandel mit dem Orient zu. Sie bildeten eine Brücke, über die das Wissen der alten orientalischen Hochkulturen nach Griechenland kam und dort die kulturelle und zivilisatorische Entwicklung beflügeln konnte. Von daher ist es gar nicht so abwegig, wenn Hekataios von Milet Ionien als Zentrum der Erdscheibe ansah, um die sich die »Oikoumene«, die damals bekannte Welt, anordnet.
Wer sich über die Griechen in Kleinasien und deren Wirkungsgeschichte informieren will, ist bei Hoepfner gut aufgehoben. Sein Buch über Ionien ist nicht nur ein Stück Kulturgeschichte des Abendlandes, sondern auch ein archäologischer Städteführer für den Türkeireisenden.
Dr. Theodor Kissel ist Historiker und Wissenschaftsjournalist und lebt im rheinhessischen Sörgenloch.