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Aufgeblättert
Die Architektur der Städel-Erweiterung
(27.02.12) Frankfurt - Das Städel hat im Herbst 2007 einen Wettbewerb zur Erweiterung des Museums ausgelobt, zu dem acht angesehene deutsche und internationale Architektenbüros eingeladen wurden. An dem Wettbewerb beteiligten sich Diller Scofidio + Renfro, New York; Gigon/Guyer Architekten, Zürich; Jabornegg & Pálffy, Architekten, Wien; Kuehn Malvezzi Architekten GmbH, Berlin; Sanaa Ltd / Kazuyo Sejima, Ryue Nishizawa & Associates, Tokio; schneider+schumacher Planungsgesellschaft mbH, Frankfurt am Main; UNStudio, Architekten, Amsterdam und Wandel Hoefer Lorch + Hirsch Müller, Frankfurt am Main. Eine internationale Jury unter dem Vorsitz von Louisa Hutton (Architektin BDA, Berlin) kürte im Februar 2008 den Entwurf der Frankfurter Architekten schneider+schumacher zum Sieger. „Ein Glücksfall“, schrieb die Presse anlässlich der Präsentation. „Ein leuchtendes Juwel am Tag, ein Lichtteppich in der Nacht“, lobte die Wettbewerbsjury.
Der Neubau schließt sich an den Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Gartenflügel, den ersten Erweiterungsbau des 1878 am Schaumainkai fertig gestellten Museumsgebäudes, an. Im Gegensatz zu den bisherigen Erweiterungen wurde der neue Museumsanbau nicht oberirdisch realisiert, vielmehr platzierten schneider+schumacher die großzügige neue Museumshalle unter den Städel-Garten. Das Gebäude wird über eine zentrale Achse vom Haupteingang auf der Mainseite erschlossen. Durch das Öffnen der beiden Bogenfelder rechts und links der Treppe im Hauptfoyer wird der Besucher auf das Niveau des Metzler-Foyers gelangen. Von hier führt eine Treppe in den unter dem Garten gelegenen 3000 Quadratmeter großen Erweiterungsbau. Der Innenraum der Gartenhallen wird durch seine elegant geschwungene und leicht wirkende Decke charakterisiert, die ihn frei überspannt und auf nur 12 Stützen ruht. 195 Kreisrunde Oberlichter mit einem Durchmesser von 1,5 bis 2,5 Metern versorgen die Gartenhallen mit natürlichem Licht und breiten sich als einprägsames Muster über die Gartenfläche aus. Von außen definiert die begrünte und begehbare kuppelartige Aufwölbung den Garten neu und schafft ein architektonisches Markenzeichen. „Frankfurt erhält nicht nur ein besonderes, ein einzigartiges neues Ausstellungsgebäude“, befand die Wettbewerbsjury, „sondern darüber hinaus eines, das als ‚Green Building‘ auf der Höhe seiner Zeit ist.“ In den lichten, großzügigen Gartenhallen findet der Sammlungsbereich der Gegenwartskunst sein neues Zuhause.
Typologie Die innere Organisation des ersten historischen Gebäudes, des sogenannten Mainflügels, von Oskar Sommer am Schaumainkai von 1878 erfolgte auf der Grundlage einer zentralen Achse. In der Verlängerung dieser Achse wurde das Haus 1921 im Rahmen eines zweiten Bauabschnitts durch den Gartenflügel in der gleichen Typologie erweitert. Vor diesem Hintergrund erscheint es nur natürlich, das bewährte Prinzip aufzugreifen und das Raumkontinuum entlang der zentralen Achse über das Metzler-Foyer in die neuen Sammlungsräume zu erweitern.
Das Foyer Dem Eingangsbereich des Mainflügels und der dortigen Treppenanlage kommt bei der Erweiterung eine besondere Bedeutung zu. Durch das Öffnen der beiden Bogenfelder rechts und links der Haupttreppe gelangt der Besucher in den Gartenflügel auf das Niveau des Metzler-Foyers. Zusammen mit dem angrenzenden von Thomas Demand neu gestalteten Metzler-Saal dient das Metzler-Foyer auch weiterhin als Veranstaltungsbereich des Museums, wird darüber hinaus aber auch als Ausstellungsfläche nutzbar sein.
Die Gartenhallen Die neuen Sammlungsräume wurden unter dem Garten platziert. Der Zugang erfolgt über die zentrale, vom Metzler-Foyer zu den Gartenhallen führende Treppe. Der Innenraum der Gartenhallen wird durch seine elegant geschwungene und leicht wirkende Decke charakterisiert, die ihn frei überspannt. Hier findet die Sammlung der Gegenwartskunst ihr neues Zuhause. Ein modulares Wandsystem ermöglicht eine völlig flexible Ausstellungsarchitektur innerhalb der Gartenhallen.
Licht/Atmosphäre Die bestehenden Räume des Städel sind in ihrer Atmosphäre durch einen großen Anteil an natürlichem Licht geprägt. Die neuen Räume erhielten 195 kreisrunde Oberlichter mit einem Durchmesser von 1,5–2,5 Metern. Diese sorgen hier wie in den „alten“ Räumen für eine vom Tageslicht geprägte Atmosphäre. In den Öffnungen befindet sich ein Verschattungssystem, das direkte Sonneneinstrahlung verhindert. Verdunklungseinrichtungen bieten die Möglichkeit, das Tageslicht vollständig auszublenden. Die Grundbeleuchtung ist in die Oberlichter integriert. Einzelauslässe erlauben eine flexible Ausleuchtung der Ausstellungsobjekte.
Der Garten Als Pendant zum Westflügel entsteht ein grünes Volumen auf der Ostseite mit ausreichend Durchblick zur Dürerstraße hin. Die Aufwölbung der Deckenschale wird von außen als ein fester Bestandteil der Topographie des neuen Gartens wahrgenommen. Sie wirkt verblüffend und selbstverständlich zugleich und stärkt das Städel in seiner architektonischen Identität. Die begrünte Kuppel hat die Kraft, einen eigenständigen Beitrag zur Architektur des historischen Städel-Komplexes zu leisten. Die Trennung zwischen Haus und Garten wird auf subtile Art aufgehoben. Durch die Verlängerung des Raumkontinuums bis in den Garten hinein kann dieser zudem als erweitertes Museumsfoyer begriffen werden. Entlang eines Rundwegs befinden sich Orte zum Verweilen, Skulpturen, intime Rückzugsbereiche und Flächen für Veranstaltungen. Davon kann auch die architektonische Beziehung zur Städelschule profitieren. Die Städelschule, welche im Rahmen der Baumaßnahme von schneider+schumacher saniert wurde, bietet der Südfassade des Gartenflügels ein angemessenes Gegenüber. In seiner neuen Gestalt spannt sich der Garten räumlich vom Gebäude, in dem die Kunst gesammelt, bis zum Hof des Gebäudes, in dem die neue Kunst erarbeitet wird. Das Museum, die Kunstschule, die Bibliothek, der Veranstaltungssaal und der Garten werden zu einem Ort des kulturellen Miteinanders. Dies wird als Ausdruck des nach vorne gewandten Stiftergedankens verstanden.
Energiekonzept Wärme-/Kälteererzeugung Die Wärme- und Kälteerzeugung erfolgt mittels Erdpendelspeicher (Erdsondenbohrungen auf einer Tiefe von fast 90 Metern) und nachgeschalteter Wärmepumpe. Mit dem Erdpendelspeicher können saisonale Schwankungen des Energiebedarfes ausgeglichen werden. Im Weiteren können mit der Wärmepumpe die Beheizung und ein Teil der Kühlung des Museumsgebäudes mit erneuerbarer Energie erfolgen. Die Wärmeverteilung erfolgt über eine Fußbodenheizung. Die Kälteverteilung erfolgt über die nachfolgend beschriebene Lüftungsanlage und die aktivierte Betondecke.
Klimatisierung Mit der geplanten Klimaanlage kann der neu geschaffene Ausstellungsraum gekühlt sowie be- und entfeuchtet werden. Die Lüftungsanlage ist mit einer hocheffizienten Wärmerückgewinnung ausgerüstet. Die Luftverteilung im Raum erfolgt über Wandquellauslässe. Die technischen Komponenten werden in der Technikzentrale neben den Ausstellungsräumen platziert. Durch die kompakte Bauweise im Erdreich, die Wärme-/Kälteerzeugung mit Erdpendelspeicher und Wärmepumpe und die große innere Speichermasse kann ein für den Museumsbetrieb optimales Raumklima mit minimalem Energieaufwand erzeugt werden.
Tragwerk Altbau Die Erschließung und Anbindung der Erweiterung erfolgen über den bestehenden Gartenflügel. Dieser wurde in den Planungen mit außergewöhnlicher Sorgfalt in das neue Tragsystem eingebunden. Durch die Lage des Erweiterungsbaus – er befindet sich einige Meter unterhalb der alten Gründungsebene – wurden die bestehenden Fundamente unterfangen. Der Lastabtrag geschah über mittels Hochdruckinjektion präzise ins Erdreich eingeschnittene Wände und Kleinbohrpfähle. Die vorhandene wertvolle Bausubstanz wurde während der Bauzeit mit einer zusätzlichen Stahlkonstruktion versteift und abgefangen, damit der Verbindungsbau errichtet werden konnte.
Erweiterungsbau Die neuen Gartenhallen werden zusammen mit den Depot- und Technikflächen von einem im Erdreich liegenden quaderförmigen Stahlbetonkörper gebildet, der in etwa die Abmessungen 76 x 52 Meter, bei einer Raumhöhe von 6–8 Metern hat. Seine frei geformte, perforierte Decke mit ihren begehbaren verglasten Öffnungen ermöglicht es, die neuen Ausstellungsflächen natürlich zu belichten. Die Deckenschale ist in einem mittleren Bereich von ca. 26 x 26 Metern bis zu 2,20 Meter kuppelförmig nach oben gewölbt. Der umlaufende, horizontale Deckenbereich steift diesen Kuppelbereich aus. Die Dicke dieser Stahlbeton-/Spannbetonkonstruktion variiert von 35 bis ca. 60 Zentimeter und ist den Beanspruchungen angepasst. Die Deckenschale ruht auf nur zwölf Innenstützen und den umlaufenden Stahlbetonaußenwänden. Die Gründung erfolgt auf einer tragenden Bodenplatte (h = 40 cm), die im Bereich der Stützen verstärkt ist. Auf Grund der Tiefe des Neubaus und des hohen Grundwasserstandes wird der Bau durch Betonzugpfähle gegen das „Aufschwimmen“ gesichert. Alle außen liegenden Betonkonstruktionen werden als „weiße Wanne“ ausgebildet, die um eine schwarze Abdichtung ergänzt wird.
Altbausanierung Im Zuge der Bauarbeiten anlässlich der Erweiterung des Städel Museums wurden zeitgleich vorhandene Mängel in den beiden Altbauflügeln beseitigt. Das gesamte Haus ist nun barrierefrei erschlossen, zusätzliche Fluchttreppen und -wege wurden eingerichtet und umfangreiche Brandschutzmaßnahmen getroffen. Die Einrichtung und Hängung der Sammlungen, die Raumaufteilung im historischen Altbau sowie das Beleuchtungskonzept der Galerieräume wurden umfassend modernisiert und an die Anforderungen eines modernen Museumsbetriebs im 21. Jahrhunderts angepasst. Zusätzlich wurden besucherorientierte Infrastrukturangebote wie eine neue Museumsbuchhandlung mit Shop und Café und die Städelbibliothek neu eingerichtet bzw. umfassend saniert.
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