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Aufgeblättert
Kunst-Stück
Von Peter Skopp
 
(05.03.12) Trotz mannshoher CD-Skulpturen in der privaten Audio-Ecke bleibt der Hang zum Zweitbuch bei manchen Zeitgenossen ausgesprochen ausgeprägt. Willi Peh dagegen, unzählige ungelesene Bände hochstapelnd, sehnt sich eher nach noch nicht addierten Bildwerken. Diese Vorliebe motivierte gut meinende Freunde, ihm zum Wiegenfest eine mit Ölfarbe veredelte Leinwand zu verehren. Sie sollte von jener Malerin signiert sein, deren künstlerische Herkunft, deren ästhetischer Duktus und deren technische Umsetzung dem Willi Peh schon länger Balsam im Auge waren.

Auf der Rückfahrt von der Maler-Werkstatt paarten sich Dankbarkeit und Besitzerstolz. Endlich daheim, löste der Erwerb frisch geernteter Farbfeld-Kunst allerdings erhebliche Nebenwirkungen aus. Willi Peh hatte übersehen, dass sich ein noch nicht vertrautes Bild wie fremder Wein benimmt: Es schmeckt im Atelier anders als an der heimischen Wand. Also rutschte der knappe halbe Quadratmeter, immer senkrecht und auf Augenhöhe, von einer möglichen Hang-Lage zur nächsten. Die eine Stelle war besetzt, die andere zu abseits, die dritte zu hoch und die nächste zu dunkel. Deshalb zog Willi Peh, das begehrte Kunst-Stück vorsichtig balancierend, schon die Anschaffung neuer Beleuchtungsanlagen in Betracht. Doch dann einigte er sich mit dem Neuzugang darauf, Bilder von angestammten Plätzen ab- und umzuhängen, die frei gewordene Fläche im Esszimmer von Schrauben, Dübeln und Nägeln sowie die dortige Tapete mit vier linken Händen von Zeitzeichen zu befreien und neue Befestigungselemente zu riskieren.

Das alles erforderte außer aufwändigen Diskussionen mit der bei-stehenden Assistenz Augenmaß, Umwege über Baumärkte, Expertenrat suchende Gespräche, passende Werkzeuge, revitalisierte Farbe, ausgemusterte Kleidung, eine geliehene Leiter, zusätzliche Duschbäder, Geduld und Nerven.

Das endlich platzierte Werk, ebenso gegenstandslos wie titellos, fiel zwei Tage später einem Besucher auf, dem Willi Peh das gar nicht zugetraut hatte. Er enthielt sich jeglicher Wertung und kommentierte spontan mehrdeutig-diplomatisch: „Das passt zu Euch.“
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