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Der Hoechster in Lyon
 
 
(23.03.12) Frankfurt - Als die Hoechst AG vor 13 Jahren mit Rhône-Poulenc zu Aventis fusionierte, wurde die Landwirtschaftssparte des neuen Konzerns in Lyon angesiedelt. Rund 100 Familien machten sich damals auf den Weg in eine ungewisse Zukunft. Das Presse- und Informationsamt hat einen ehemaligen Hoechster besucht, der heute noch da ist.

„Eigentlich war das absurd, denn in der neuen Struktur war für mich gar kein Job vorgesehen“, erinnert sich Michael Milch. Der heute 52-Jährige war als Kommunikator im Hoechst-Verbund groß geworden, kam aus der Produktwerbung und arbeitete im Fusionsjahr 1999 für die Hoechster Pflanzenschutztochter AgrEvo. Niemand also, der am Kerngeschäft direkt beteiligt und deshalb unverzichtbar gewesen wäre. „Es war schon ein Wagnis, da in die Fremde zu gehen.“

Ein Wagnis, auf das sich im Jahr 2000 rund 100 Familien, davon circa 50 aus Frankfurt, einließen beziehungsweise einlassen mussten. Die Hoechst AG war mit Rhône-Poulenc zum neuen Pharma-Riesen Aventis fusioniert worden. Neuer Unternehmenssitz war zwar Straßburg, globales Zentrum des Pflanzenschutzes jedoch wurde Lyon.

„Für uns war relativ schnell klar, dass wir etwas Neues kennenlernen wollten. Dann wollten wir schauen, was passiert“, erinnert sich Milch an die damaligen Diskussionen mit seiner Frau. „Um es den Kindern schmackhaft zu machen, sind wir ein Jahr zuvor in die Gegend in den Urlaub gefahren.“ Die Kinder waren damals neun und ein Jahr alt. Französischkenntnisse hatte niemand in der Familie. Aber die Entscheidung sei einstimmig gefallen.

Milch hat sie nicht bereut. Er ist in Lyon geblieben, 12 Jahre mittlerweile. Aber außer ihm und seinen Lieben weiß er nur von einer weiteren Familie, die es genauso gemacht hat. Alle anderen ehemaligen Kollegen, die heute noch arbeiten, hat die globale Ökonomie wieder an einen neuen Ort verschlagen. Im Jahr 2003 kaufte Bayer die Pflanzenschutzsparte von Aventis. „Für viele eine willkommene Gelegenheit, nach Deutschland zurück zu gehen. Manche sahen ihre beruflichen Chancen in der Konzernzentrale wohl als größer an. Andere fühlten sich in der französischen Arbeitswelt nicht so wohl“, erzählt Milch.

Über die Arbeitswelt könnte er mittlerweile wahrscheinlich Bücher schreiben. „Der Deutsche arbeitet projektbezogen, der Franzose personenbezogen. Während es uns nur um die Sache geht, werden hier die Dinge gelöst, indem man miteinander essen geht. Kennenlernen und Vertrauen sind unglaublich wichtig. Hier wird zum Beispiel die Lyoner Viertelstunde gepflegt. Ein für 9 Uhr angesetztes Meeting beginnt nie um 9 Uhr. Das muss man akzeptieren können. Und damit haben viele Deutsche große Probleme.“

Erfahrungen, die simpel klingen, die aber Milch in seiner Firma immer wieder zu einem gefragten Ratgeber und Mittler zur deutschen Zentrale werden lassen. Man ruft ihn dazu, wenn es bei einem Projekt an der Kommunikation hakt.

In seiner Freizeit hat er inzwischen über drei Jahre hinweg einen Kurs in einer Weinkellerei belegt. Mittags begrüßt ihn die komplette weibliche Belegschaft des örtlichen Restaurants mit Küsschen, der Chef kommt zum Handschlag an den Tisch. „Zweimal Pferdesteak à point“, bestellt er. „Die sind gut hier.“

Seine Frau, ebenfalls eine gelernte Kommunikatorin, arbeitete zeitweise in einer Käserei. Heute machen die Milchs ihren Käse zu Hause selbst. Nach fünf Jahren in Lyon fiel die Entscheidung, ein Haus zu kaufen. Da stand die Tochter gerade zwei Jahre vor dem Abitur. „Das war wie ein Kreislauf, nicht gezielt herbeigeführt“, sagt Milch. Seine Ehefrau engagiert sich ehrenamtlich in einem Blindenheim. „Sie ist voll integriert.“

Die Stadt Frankfurt und die Obstwiesen im Taunus sind Urlaubsziele geworden für die Milchs. „Ganz klar, nach zwölf Jahren leidet die Nähe zur Großfamilie. Weniger zu den Freunden. Ich fühle mich nach wie vor dort zu Hause, wo ich herkomme.“ In gewisser Weise habe sich der Blick auf Deutschland von Lyon aus fast geschärft. „Man sieht vieles klarer, nimmt es deutlicher wahr. Und vieles davon erfüllt mich auch mit Stolz.“ Stolz auf Deutschland, auf Hessen, auf Frankfurt. Seine Tochter studiert dort heute. „Frankfurt ist so offen, so tolerant, so international. Für Lyon gilt das weit weniger.“

Nur schwer könne er sich heute vorstellen, nochmal die Stelle zu wechseln, dasselbe noch einmal einzugehen. „Was könnte das sein?“, überlegt er und verwirft den Gedanken an Übersee schnell. Die Eltern leben in Hofheim. „Wir können nicht mehr über Jahre planen.“ Der ehemalige Hoechster hat mittlerweile 30 Jahre Berufserfahrung hinter sich, davon jetzt zwölf in Frankreich. „Wenn es nach mir geht, können es ruhig noch mehr werden.“ Mit der Fusion, die damals über ihn und seine Familie kam, hat er seinen Frieden gemacht.

Stefan Röttele

Der Bericht ist Teil einer Serie des Presse- und Informationsamtes im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und Lyon. Aktueller Anlass ist die Einweihung der neuen TGV-Direktverbindung an diesem Freitag.
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