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„Wir sind keine Exoten mehr“
Verband binationaler Familien und Partnerschaften vor 40 Jahren gegründet
 
(05.04.12) Frankfurt - In jedem fünften deutschen Haushalt lebt mindestens ein Familienmitglied mit so genanntem Migrationshintergrund. Jedes dritte Grundschulkind hat Wurzeln, die nicht nur in Deutschland liegen. Für die soziale und rechtliche Gleichstellung von Menschen, ungeachtet ihrer nationalen und kulturellen Herkunft, setzt sich der Verband binationaler Familien und Partnerschaften mit Hauptsitz in Frankfurt ein.

Liebe kennt keine Grenzen, die freie Partnerwahl ist zumindest im westlichen Kulturkreis ein garantiertes Menschenrecht. Und im Zeitalter der Globalisierung scheint die Welt ohnehin nah zusammenzurücken. Tatsächlich, so konstatiert Hiltrud Stöcker-Zafari, Bundesgeschäftsführerin des „Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften“, können jedoch die Barrieren, durch die ein Paar getrennt wird, immer noch „sehr hoch“ sein. Vor allem wenn ein Partner aus einem so genannten „Drittstaat“, einem Land außerhalb der Europäischen Union stammt.

Michaela und Mohammed: eine Familienzusammenführung
Das hat auch Michaela R. erfahren müssen. Während einer Afrikareise lernte die damals 30 Jahre alte Pädagogin Mohammed, einen jungen Mann aus Mali, kennen und verliebte sich in ihn. Schnell stand für beide fest, dass sie zusammenleben wollten, und zwar in Michaelas Heimatstadt Frankfurt. Doch bis dieser Traum Realität werden konnte, vergingen viele Monate voller Unsicherheiten, voller bürokratischer Wirren. Denn das Auswärtige Amt erkennt keine Dokumente aus Mali an, also auch nicht die Heiratsurkunde von Michaela und Mohammed, die sich in dem afrikanischen Land inzwischen hatten trauen lassen. Außerdem musste Mohammed mehrmals pro Woche in die Bezirkshauptstadt reisen, weil lediglich dort – sehr kostspielige – Deutschkurse angeboten wurden. Nach bestandener Sprachprüfung konnte er dann im Zuge einer „Familienzusammenführung“ seiner Frau nach Deutschland folgen. Acht Jahre sind seitdem vergangen. Inzwischen haben die beiden zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen.

16.000 Beratungsanfragen pro Jahr
Geschichten wie diese begegnen den ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen des bundesweit in 25 Städten vertretenen Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften mit Hauptsitz in Frankfurt täglich in ihrer Arbeit. 16000 Beratungsanfragen im Jahr belegen, dass die bürokratischen Hürden immer noch hoch sind. So wird Paaren wie Mohammed und Michaela von Behörden oft mit Misstrauen begegnet, weil man eine Scheinehe vermutet, bei der es um Einwanderung und nicht um Liebe geht. Auch haben die Liebenden meist „wenig Gelegenheit, sich im Alltag zu erproben, bevor sie beschließen, für immer zusammen zu bleiben“, erläutert Hiltrud Stöcker-Zafari. Der eine springt ins kalte Wasser, gibt alles auf, Sprache, Tradition, Freunde und Verwandtschaft, um dem anderen in dessen Heimat zu folgen. Anfängliche Euphorie kann sich in den Strapazen und Widrigkeiten des Alltags schnell verflüchtigen, besonders weil es nicht jedem Zugewanderten gelingt, hier eine seinen Fähigkeiten angemessene Tätigkeit zu finden. Und auch die Kinder spüren manchmal die Zerrissenheit, fragen sich, wohin sie eigentlich gehören, vor allem in der Pubertät, wenn das Thema der eigenen Identität brennend wichtig wird.

Interessengemeinschaft gegen Vorurteile
„Wir schauen nicht nach Problemen, sondern nach Ressourcen“, fasst die Bundesgeschäftsführerin die Haltung ihres Verbandes zusammen. Und da gibt es einiges auf der Habenseite zu verbuchen, sowohl in den binationalen Familien selbst als auch auf gesellschaftspolitischer Seite. Vor mehr als 40 Jahren, als sich Frauen mit ausländischen Partnern in der Interessengemeinschaft zusammenschlossen, hatten sie noch gegen jede Menge Vorurteile anzukämpfen. Damals unterstanden Frauen noch dem Heimatrecht ihrer Ehemänner, dem sich die deutschen Gerichte zu beugen hatten. Diese Rechtspraxis wurde 1982 als verfassungswidrig erkannt und dann vier Jahre später abgeschafft. Und erst seit 1975 erhalten Kinder automatisch die Staatsangehörigkeit der Mutter.

Schatz der Mehrsprachigkeit
„Von dieser Situation sind wir heute meilenweit entfernt“, meint Stöcker-Zafari, die selbst seit mehr als 30 Jahren mit einem Iraner verheiratet ist. „Wir sind keine Exoten mehr, sondern Normalität geworden.“ Immer mehr setze sich außerdem die Erkenntnis durch, dass der selbstverständliche Umgang mit verschiedenen Kulturen, wie er für binationale Familien Alltag ist, eine in der globalisierten Welt dringend gefragte Qualifikation ist. Doch wird der Schatz der Mehrsprachigkeit, den die Kinder in die Wiege gelegt bekommen, nicht immer gehoben. Diese Kompetenz müsse gefördert werden, damit sie nicht verkümmere, etwas was nach Meinung des Verbandes im deutschen Bildungssystem nach wie vor zu kurz kommt. In ihrer beratenden Funktion für Politik und Verwaltung kann die Bundesgeschäftsstelle, die vom Bundesfamilienministerium finanziell unterstützt wird, solche Vorschläge in Expertengremien auf Bundes- und EU-Ebene direkt einbringen.

Viel ist also erreicht worden in den vergangenen 40 Jahren. Offene Ablehnung dürften Migranten hierzulande heute deutlich seltener als früher erfahren, wenn auch Hiltrud Stöcker-Zafari vor zu viel trügerischer Multikulti-Harmonie warnt. Ihr im Augenblick dringendstes Anliegen wäre indes eine Korrektur des Verbandsnamens: „Binational ist viel zu eng gefasst für die Vielfalt und Verschiedenheit an Lebensformen und Partnerschaften, der wir bei unseren Beratungen Tag für Tag begegnen.“

Barbara Goldberg
Stadt Frankfurt am Main, Presse- und Informationsamt
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