(05.03.08) Tagebuch schreiben – das ist verbunden mit vagen Vorstellungen von Intimität und Egotrip, von Geheimnis und Enthüllung. Das Fragezeichen im Titel der facettenreichen großen Ausstellung im Museum für Kommunikation Frankfurt „Absolut privat!?“ lädt dazu ein, diese gängigen Vorstellungen zu überprüfen. Die Schau wird am 5. März 2008 um 19:00 Uhr offiziell eröffnet: Eva Demski liest aus „Zettelchens Traum“ und Jan Seghers aus seinem Online-Tagebuch „Geisterbahn. Tagebuch mit Toten“. Der Abend wird begleitet mit „Zeitansagen“ von der Künstlergruppe AKKU. Gäste sind zur Eröffnung herzlich willkommen.

Johann Wolfgang Goethes (1749 – 1832) Tagebuch vom Januar bis Juni 1882;
Klassik Stiftung Weimar, Goethe- und Schiller-Archiv
***Privatheit ist keineswegs eine durchgehende Konstante für das Tagebuch, denn schon seit der frühen Neuzeit – und nicht erst zu Zeiten des Webs 2.0 – hat es Tagebücher gegeben, die für andere Leser oder gar auf eine Veröffentlichung hin angelegt sind. Umgekehrt sind die Blogs, die mittlerweile allein in Deutschland von weit über einer Million Menschen gelesen werden, nicht auf Schlagworte wie Exhibitionismus oder Enthüllung zu reduzieren. Das Kommunikationsmuseum zeigt in dieser Ausstellungspremiere, die bis zum 14. September 2008 zu sehen ist, über 300 Tagebücher und Weblogs. Erstmals werden in Deutschland papierene und digitale Tagebücher gemeinsam präsentiert, darunter auch Originale von prominenten Autorinnen und Autoren wie Franz Kafka, Theodor W. Adorno, Clara Schumann, Johann Wolfgang Goethe, Lou Andreas-Salomé oder Rainald Goetz.

Lou Andreas Salomé (1861 – 1937), Vorderseite des Kalenderblattes September 1899;
Lou Andreas Salomé Archiv Göttingen
***365 Tageseinträge aus sechs Jahrhunderten bilden das „Fundament“ dieser faszinierenden Schau, für die sich Besucher zeit nehmen sollten. So wie sich Tag an Tag reiht, setzt sich am Boden der Ausstellung ein Jahr aus Tagebuch- und Blogzitaten zusammen. Zahlreiche Sitzgelegenheiten laden zum Schmökern ein: ob in den frei zugänglichen Leseexemplaren gedruckter Tagebücher oder in den digitalen Tagebüchern an Medienstationen.
Sprachliche Vielfalt und ungewöhnliches Schreibmaterial
Nicht nur die sprachliche Vielseitigkeit beim Verfassen von Tageseinträgen ist erstaunlich, auch die Wahl des Schreibmaterials. Angefangen beim berühmten Tagebuch der Anne Frank bis zum Online-Auftritt von Andrea Diener verfolgt die Ausstellung sieben Tagebuchgeschichten, wie die des DDR-Fotografen Dietmar Riemann, der die Geschichte seiner Ausreise mit einer kleinen Kamera dokumentierte. Die Fotos klebte er gemeinsam mit Zeitungsartikeln, Kopien von Briefen an Behörden und anderen Dokumente aus der DDR in 12 Tagebücher ein. Erst 2005 wurden die Tagebücher als „Laufzettel. Tagebuch einer Ausreise“ veröffentlicht.

Der Computer wartet: Die Frankfurter Bloggerin Andrea Diener an ihrem Schreibtisch
Foto: Andrea Diener
***Hans Gröner verfasste Einträge auf Holzscheite, die Jahre später von der Weblog schreibenden Enkelin gefunden werden. Joseph Goebbels diktierte seine Tagesnotizen und ließ sie angesichts der drohenden Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg mit dem neuen Verfahren der Mikrofichierung auf Glasplatten sichern. Andrea Diener wählte das Weblog, um ihr Online-Tagebuch „Reisenotizen aus der Realität“ zu schreiben.
Der spannende Blick in berühmte Tagebücher
Von Goethe bis Kafka, von Clara Schumann bis Adorno und auch Walter Kempowski reicht die Spanne berühmter Persönlichkeiten, von denen über 20 Tagebücher als Einzelexponate – alles Originale – präsentiert werden. Clara Schumann reduzierte ihre Texteinträge auf ein Minimum, indem sie Blumen und Pflanzen in ihr Blumentagebuch einklebte. Goethes „Schreib-Kalender“ ist dagegen ein Geschäftskalender, der darauf angelegt ist, Einnahmen und Ausgaben zu notieren.

Tagebuchhölzer mit Tagesnotizen beschriftet von Hans Gröner, Großvater der Bloggerin Anke Gröner,
Foto: Museumsstiftung Post und Telekommunikation
***Neben berühmten Autoren sind hier Tagebücher versammelt, die vor allem im Umgang mit den Vorgaben des Papiers hervortreten. In Geschäftsbüchern, Notizbüchern, Wandkalendern und sogar auf Zigarettenpapier wurde Tagebuch geführt. Der Besucher kann sparsam kalkulierte Einträge ebenso entdecken wie großzügige Schrift und Verzierungen mit Einlagen, Bildern und Fotografien. Fritz Solmitz dokumentierte im KZ seine letzten Lebenstage auf Zigarettenpapier. In Hast und ständiger Angst vor Entdeckung schilderte er in Tagesnotizen die Schrecken im KZ Fuhlsbüttel, wo er als einer der ersten politisch Verfolgten des NS-Regimes bereits im März 1933 inhaftiert wurde. Die Schmückkünstlerin Victoria Wittek gestaltete eine auf ihrem persönlichen Tagebuch basierende silberne Kette mit 365 Kettengliedern. Diese Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Tagebücher sein können.
Viele nie gezeigte Exponate aus dem Tagebucharchiv Emmendingen
Im Tagebucharchiv Emmendingen e.V (DTA) im südbadischen Emmendingen werden seit 1998 private Tagebücher, Lebenserinnerungen, Briefwechsel sowie Haus- und Hofbücher aus dem gesamten Bundesgebiet gesammelt und archiviert. Jeder und jede Interessierte kann hier autobiographische Texte abgeben. Als ganz besondere, bisher nie gezeigte Exponate präsentiert die Ausstellung 200 Tagebücher unbekannter Autoren aus dem DTA.

Foto aus Dietmar Riemanns „DDR-Ausreisetagebuch“ (Mai bis Oktober 1986)
Foto: Dietmar Riemann
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Welche Gemeinsamkeiten haben nun die verschiedenen Formen des täglichen Schreibens miteinander? Was verbindet ein Blog mit einem traditionellen Tagebuch? Eine Gemeinsamkeit ist zum Beispiel die Verwendung von Einlagen – ob nun Blumen in ein Tagebuch geklebt oder You-Tube-Videos in ein Blog verlinkt werden. Manche Schreibprojekte sind als Lebenswerk geplant, andere nur auf einen kurzen Zeitraum ausgelegt wie zum Beispiel die Dauer einer Reise – immer jedoch sind die ersten Einträge von guten Vorsätzen geprägt. So kristallisieren sich bei allen Unterschieden immer wieder die Gemeinsamkeiten von elektronischem und papierenem Tagebuchschreiben heraus.
Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich Erinnerungskulturen der Justus-Liebig-Universität Gießen, dem Goethe Haus und dem Deutschen Tagebucharchiv e.V. Emmendingen. Sie wurde unterstützt durch die Stadt Frankfurt und den Blogservice twoday.net.
Die von Dr. Christiane Holm und Eva Bös, beide Universität Gießen, sowie Tine Nowak kuratierte Ausstellung wird nach Frankfurt Station im Museum für Kommunikation in Nürnberg und Berlin machen.
Ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Workshops, einer Sylvia Plath-Lesung mit Martina Gedeck und einem Schreibwettbewerb für Kinder begleitet die Ausstellung.
Das Programm wurde ermöglicht durch die Unterstützung des Frauenreferates der Stadt Frankfurt am Main, der Frankfurter Verlagsanstalt, der Stiftung Lesen und der Jugendbegegnungsstätte Anne Frank.
Der Katalog, 160 Seiten, kostet im Museumsshop 17,80 Euro; ein Tagebuch-Kalender mit 365 literarischen Zitaten und viel Platz für eigene Aufzeichnungen ist für 9,80 Euro zu haben.
Museum für Kommunikation Frankfurt, 60596 Frankfurt, Schaumainkai 53; Tel: (069)60600; Fax: (069)6060666; eMail: mk.frankfurt@mspt.de
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag von 9:00 bis 18:00 Uhr; Samstag, Sonn- und Feiertag von 11:00 bis 19.00 Uhr
Eintritt: 2,50 Euro, ermäßigt 1 Euro
Kostenfreie deutschsprachige Führungen: sonntags 15 Uhr, mittwochs 16 Uhr
Weitere Informationen zu dem vielfältigen Begleitprogramm unter: www.museumsstiftung.de (hbh)