(30.07.10) Achim Laber führt die offizielle Berufsbezeichnung „Hauptamtlicher Betreuer eines Naturschutzgebietes im Range eines geprüften Natur- und Landschaftspflegers“. Weil das nun überhaupt nicht punktet, nennen er und seine Kollegen sich einfach „Ranger“ und übernehmen das positive Image der Aufseher in amerikanischen Nationalparks. Ranger haben im wesentlichen zwei Aufgaben: Zum einen Schutz und Erhalt der Natur. Zum anderen Wissensvermittlung durch Führungen, Vorträge, Öffentlichkeitsarbeit.

Achim Laber ist ein gefragter Mann, es gibt ihn gleich drei Mal: Erstens als Kunstfigur im Haus der Natur am Fuße der Feldbergbahn. Hier kann der Besucher die zwölf häufigsten Fragen per Knopfdruck abrufen, ein Tonband mit der Stimme Achim Labers gibt ausführlich Antwort, eine Kamera projiziert die passenden Gesichtsbewegungen auf eine Gipsfigur und im Hintergrund läuft begleitend ein Film. Diese Errungenschaft soll Mitte August 2010 offiziell „eröffnet“ werden. Unser Kommentar: „Die Kopie ist manchmal besser als das Original“.

Zweitens gibt es Achim Laber als „Hosentaschenranger“. Das ist ein GPS-Gerät mit Touch-Screen, das man für kleines Geld tageweise mit auf die Wanderung nehmen kann. Wenn es etwas Besonderes zu sehen oder zu verstehen gibt, meldet sich der „Ranger“ (ausgelöst durch die GPS-Ortung des Standorts) und alles wird erklärt - von Achim Laber.
Drittens ist da natürlich der Original-Laber. Der erzählt über eine Flechte, für Unkundige unauffindbar, eine halbstündige Geschichte. Für Botaniker ist es eine Sensation, dass diese Flechte in Europa nur auf dem Feldberg wächst. Und dass sich hier Pflanzen finden, die ansonsten nur im (weit entfernten) alpinen Raum vorkommen. Subalpine Vegetation nennt er das. Und erzählt, wie er mit den Bauern, die den Feldberg als Weidegrund nutzen, mühsam eine Vereinbarung getroffen hat, damit jene Flechte nicht unter den Hufen der Kühe zertrampelt oder gar unter einem Kuhfladen begraben wird. Und dass die Bauern dann doch enttäuscht waren, weil es eben nur eine Flechte - und keine Orchidee ist .... Nomen non est omen, die Geschichten des Achim Laber sind unterhaltsam und fundiert.
Der Hochschwarzwald ist für Wanderer hervorragend erschlossen, vielleicht weil sich gleich drei Tourismus-Institutionen um alles kümmern (
www.hochschwarzwald.de,
www.todtnauer-ferienland.de,
www.belchenland.de), zuständig für die Gegend zwischen Feldberg und Belchen, und das Ganze unter dem Dach der Schwarzwald Tourismus GmbH (
www.schwarzwald-tourismus.info). Dass die früher nicht immer gut zusammen gearbeitet hatten, zeigt ein grotesk-redundanter Schilderwald rund um das Feldberg-Plateau – heute ein Relikt, denn im übrigen sind die Wege klar und eindeutig gekennzeichnet.
Bundesweit gibt es gleich zwei „Rating-Agenturen“ für Wanderwege: Das Deutsche Wanderinstitut (
www.wanderinstitut.de) vergibt das Prädikat „Premiumwanderweg“, der Deutsche Wanderverband zertifiziert mit dem DWV-Gütesiegel „Qualitätswanderweg“. Die Kriterien sind fast so komplex wie „richtiges“ Rating, z.B. wird jede Tour in Abschnitte von vier Kilometern unterteilt, die jeweils neun Kernkriterien und eine Auswahl aus 23 Wahlkriterien erfüllen müssen. Die Analyse der 24000 Kilometer Wanderwege des gesamten Schwarzwaldes erfordert also die Bewältigung riesiger Datenmengen. Mehr dazu unter
www.wanderbares-deutschland.de.
Nach einer angenehm kühlen Nacht im luxuriösen, gleichwohl charmanten Maritim-Hotel direkt am Titisee entscheiden wir uns am nächsten Morgen für die Erwanderung des elf Kilometer langen „Wasserfallsteig“ in der Nähe von Todtnau, der am 4. Juli dieses Jahres als neuer Premiumwanderweg eröffnet wurde. Er verbindet den 50 Meter hohen Fahler Wasserfall mit dem spektakulären, 97 Meter hohen Todtnauer Wasserfall. Der Weg ist abwechslungsreich und anspruchsvoll – „Premium“. Parallel zu den tiefen Schluchten der „Wiese“ geht es über seitlich ungesicherte Stufen steil bergab und bergan.
Teilweise klettert man märchenwaldhafte Schluchten hinauf und hinunter, teilweise spaziert man auf ebener Strecke, entdeckt traditionelle Bauernhöfe, jahrhundertealte Buchen, Ziegenherden – und an wirklich jeder Weggabelung findet sich mit Leichtigkeit der nächste Hinweis. Dabei wandert jeder so viel wie er will und kann, denn parallel verkehrt am Wasserfallsteig (
www.wasserfallsteig.de) wie an vielen anderen Wegen der Region im Stundentakt ein Bus.
Der Schwarzwald hat seine Identität gefunden: Naturschutz, Landwirtschaft und Tourismus sind in völligem Einklang. 4,8 Millionen Übernachtungen allein von Januar bis April 2010, und doch erscheint die Natur unberührt, und doch erlebt jeder etwas anderes, sehr persönliches. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ sagt ein indisches Sprichwort. „Man kann nicht zweimal denselben Weg erwandern“ - der Schwarzwald ist stets anders, neu.
Matthias Lubcke, PresseRheinMain(at)aol.com